Leben ohne Kehlkopf
 
Seit dem 01.03.2010 muss ich   "mit ohne"   Kehlkopf durch`s Leben gehen und - es geht !!!!.
Mein Dasein ist mit den damit verbundenen Einschränkungen immer noch sehr lebenswert.
Absolut und sowieso!!!!
Ich verstecke mich nicht - derweil ich nix dafür kann, wenn man das  Rauchen mal Außen vor lässt!!!
Dieses Laster habe ich 1995 schon aufgegeben.
Nach 15 Jahren hat sich das Krebsrisiko auf das eines Nichtrauchers reduziert  - wird so propagiert:   Bingo  -  bei mir nicht!  Ist aber jetzt eh wurscht - so  wie es ist, ist es!!
 
Bei der ersten Diagnose nahm ich das Ganze noch nicht so richtig ernst,  na ja  - dachte ich  "raus mit dem Zeugs und passt scho"    
So einfach war es nicht  -  Ich musste zwei OP`s über mich ergehen lassen.  Die Erste legte meine Luftzufuhr frei, da ich laut Aussage von Frau Doktor, kurz vor dem Ersticken stand.  Die Nächste befreite mich dann vom Krebs sowie von meinem Kehlkopf.
Das war schon hart - aufwachen und nimmer reden können  -  ich, die Labertasche in Reinkultur, sollte von einem auf den anderen Tag schweigsam sein!
Nicht mehr kommunizieren können war für mich zum damaligen Zeitpunkt unvorstellbar.
Ich weinte bei der endgültigen Diagnose - nicht wegen mir,  wegen meinem Sohn der bei mir lebt  -  wie wird er damit fertig? Mein Sohn Nr. klein war 17 Jahre jung, 193 cm hoch und steckt voll in der Pubertät inkl. der dazugehörigen Aufmüpfigkeit.
Das war schon mal eines der Probleme die noch auf mich zukommen sollten.
Bei der Operation wurde mir die Luft -  und Speiseröhre getrennt verlegt. Bei diesem Eingriff wurde eine Verbindung zwischen den beiden Röhren - eine Provox2  Sprachprothese - instlliert.
Diese sollte mir später als Kommunikationsmöglichkeit dienen. 
Atmen musste ich fortan durch das Stoma, welches sich am Hals befand und durch eine Kanüle daran gehindert wurde , kleiner zu werden.  
Nach der Total OP durfte ich noch 16 Tage in der HNO Klinik  Straubing zu Gast sein, bevor sie mich in die Welt hinaus entließen.
 
Es folgten 38 Bestrahlungen - täglich MO bis FR,  immer 12Uhr Mittags  - und wöchentlich einmal eine Chemotherapie. Die Verabreichung der Chemo war ganz kommod - wie man in Bayern  zu sagen pflegt - der Einbruch kam bei mir zeitverzögert - meistens zwei bis drei Tage später!
Es bretterte mich regelmäßig  nieder - mal mehr mal weniger und in Verbindung mit den Strahlen war ich die nächsten zwei bis drei Monate ein  aus Leiden bestehendes Bündel!
Die letzte Bestrahlung fand am 26.05.2010 statt.
Über dieses Datum hinaus, war mein Zustand mehr als miserabel - Essen schmeckte nicht, Pilzbefall im Mund, jegliche Nahrungsaufnahme war mit Schmerzen verbunden. Meine Haupternährung bestand daher aus kalorienreicher Flüssignahrung, Suppen sowie Hipp Kinderkost.Eine super Diät die mich insgesamt um 23 kg Lebendgewicht erleichterte - nun habe ich mein Idealgewicht erreicht  - 184 cm - 84 kg
-  zu irgendwas muss ja der ganze Kram gut sein!!!!
Aber, von nun an konnte sich mein geschundener Körper  wieder regenerieren  - meinem Astralkörper wurden in dieser Zeit so viel  "Schadstoffe" zugeführt, dass es für die nächsten hundert Jahre reichen muss!
 
Nach einer sechswöchigen Erholungsphase, bekam ich den Einberufungsbescheid  nach Bad Gögging  um in der Holledau meine Anschlußheilbehandlung anzutreten.
Dort  bekam ich etwas zu Essen, ein Brett unter meine Matratze und einen mit Verbandsmull gefüllten  Steril Gummi Handschuh in die Hand gedrückt. Diesen sollte ich auf Anweisung meines Sprachtherpeuten auf das Loch im Hals drücken.
Er  meinte noch  ich solle doch mal  A - E oder i sagen.
Ich sagte A,  E...... ...und erzählte ihm gleich meine ganze Lebensgeschichte die den Rahmen der Behandlungszeit zu sprengen drohte.    "Ups - das ging aber schnell"  war sein Komentar.  
Schon meine behandelnde Ärztin in Straubing meinte nach der gelungenen Kehlkopfentfernung  "Ihnen kann man wohl alles rausnehmen und sie reden trotzdem weiter"  
Ich verwendete  instinktiv  die sogn.  "Rülpssprache"   - ich war anscheinend talentiert,  sprachbegabt nennt man sowas wohl.  Dieser Umstand half mir beim erlernen der "Handschuhdraufdrücktechnik" sehr.
 
Viktor - mein Leibarzt zu Gögginhg  - bestellte daraufhin sofort eine andere Kanüle für meinen Hals.
Auf diese wurde ein Filter gesteckt - mit einem Plastikverschluss, auf den ich einen Finger legte. Durch diesen Drücker verschloss ich das Stoma und die ausgeatmete Luft strömt durch die Provox in den Mund.  Mit diesem Luftstrom bildete ich nun  Buchstaben, Wörter, Sätze  - ich konnte wieder kommunizieren!!!
Einige Buchstaben gehen nicht so einfach - ich habe bei K und beim H Schwierigkeiten fällt allerdings beim Sprechen  nicht auf. Die Stimme ist etwas rauher - wie die von Luis Armstrong.-   it`s a wonderful World
Vier Monate schreiben waren vorbei - Meine Freunde nahmen zwar immer Rücksicht,  wenn ich an Unterhaltungen teilnahm - wenn ich aber was "sagen"  wollte musste ich das aufschreiben. Dieses dauerte naturbedingt a bissele mit der Folge, dass die schon wieder bei einem anderen Thema waren - zefix!!
Nun gut, ich konnte wieder  auf Fragen antworten, direkt an Gesprächen teilnehmen - das war einfach spitze!!!!
Am Ende der REHA meinte mein Logopäde, er könne mir nichts mehr beibringen - stimmlich!!!!
Also wurde ich nach vier Wochen aus der Phoniatrie in die raue Wirklichkeit entlassen.
 
 
Nun galt es meine körperlichen Kräfte wieder zu erlangen, derweil die arch gelitten hatten.  Meine Muskulatur war - gelinde gesagt - unter aller Sau.Folglich war Training in Planung! 
Zunächst brauchte ich aber etwas für die Seele!
Zwischenzeitlich war der August ins Land gezogen - mein Sohn, in Ausbildung stehend, hatte Ferien und ich wollte auch mal wech   -  so  beschloß ich  Urlaub zu machen!
Ich hatte bis Dato noch keinen einzigen Tag!
Nach diversen Klinikaufenthalten genehmigte ich mir, mit Genehmigung der Krankenkasse, eine Woche Auszeit am Mittelmeer, hängte meine Füße ins Wasser und dachte über meine Zukunft nach.
Rente?
Mit dem  mir ausgerechneten Betrag kann man zwar überleben - aber!!!  Nach 43 Jahren ununterbrochen arbeiten 
800,- Euro monatliches reichen nur zum ÜBERLEBEN aber  zu mehr nicht!  Einen geruhsamen Lebensabend kann man sich mit sowas nicht leisten .  " Entspannt ins Rentenleben" so war der Titel eines Vortrages einer 
caritativen Organisation, darüber hat jemnd geschrieben ....mit 600,-Euro Rente?.  
Also arbeiten? 
 - in meinem Job als Busfahrer?   geht das ?   JA !
Ich kenne einen Kollegen der schon etliche Jahre so fährt. Der KOM Führerschein wurde mir  ohne Probleme  verlängert - war sowieso im September fällig. Meine Firma muss mich wieder Eingliedern und ich bekomme wieder Gehalt mit dem ich mir auch mal ein Bierchen kaufen  - oder ins Theater gehen kann und ein Urlaub springt evtl. auch noch raus. Ich möchte wieder unter die Leute kommen - ich will wieder arbeiten!
Also  - auf los gehts los - Krankengymnastik - Krafttraining  und viel frische Luft müssen nun dafür sorgen, dass ich am 1.12.2010 wieder ins Berufsleben eingegliedert werden kann.
Dabei hatte ich aber nicht mit dem hartnäckigen Wiederstand meines inneren Schweinehundes  gerechnet
- das ist ein täglicher Kampf der immer noch andauert !!!!!  Allerdings - es wird scho besser!
Schwimmen sowie alle Arten von Wassersport sind ein Problem - dabei läuft mir das Wasser zum Hals nei - ist nicht angenehm -  dad i song!!!
Wenn es jedoch jemand für unabdingbar hält ins Wasser gehen zu müssen - auch hierfür gibt es Gerätschaften.
Für meiner Einer habe ich das abgeschrieben!.
Ansonsten ist eine Menge an sportliche Betätigung möglich - mit gewissen Einschränkungen fast alles!  Ich habe schon von Marathonläufern gehört und gelesen  -  aber ehrlich, bei dieser Sportart ist  mir der Weg etwas zu weit!!!
 
Essen geht auch wieder ganz gut nur bei bestimmten Speisen brennt mich der Mundinnenraum - noch. Bestimmte Soßen sowie Fleisch, Speck oder Panade erzeugen bei mir Sodbrennen. Auf diese Sachen muss ich halt verzichten. Beim Essen muss ich ausprobieren was gut tut - Käse, Fisch, Gemüse  und Nudeln 
stehen nun öfter auf meinem Speiseplan. Ich bemerke beim Genießen, dass dieses sogn. Diskouterfleisch mir wesentlich mehr Probleme bereitet als Frisches vom örtlichen Metzger - ich meine auch, dass ich den ganzen "Müll" an Koservierungsstoffen und Geschmacksvertärkern in den diversen Speisen - viel prägnanter spüre als vor dem Eingriff.
Der Geschmack kommt langsam wieder zurück nur riechen ist nicht mehr uneingeschränkt möglich. Manche Düfte erschnüffele ich - Andere gehen duftlos an mir vorüber. Waschen brauche ich mich also nicht mehr so oft, derweil ich mich nicht mehr riechen kann - ist auch nicht schlecht, oder? 
Ich muss mit einigen Handicap`s leben - aber, es geht mir den Umständen entsprechen gut - nicht sehr gut aber auch nicht wirklich Scheiße. 
Ich bin unabhängig - kann Auto fahren - mache Ausflüge - gehe sehr oft in die City um mich mit anderen Menschen zu treffen - sitze im Cafe und schaue dem Leben zu. Gehe meinen diversen Hobbys nach - z. B. ist  meine Kamera  immer am Mann, oder Walken sowie das Rad fahren, was ich im nächsten Jahr wieder probieren möchte.
Im Winter ist das a bissele blöd, derweil ich keine Schneeketten für den Drahtesel habe.
Ich nteressiere mich für Alles -  für Kultur, besuche ab und an das ortsansässige Kino, lese viel!
Das Wichtigste für mich ist  - ich darf/kann wieder arbeiten - wer weiß wie lange es mir noch so  "gut"  geht.
Ich möchte nicht zu Hause sitzen,  sinnieren und immer daran denken, wie es sein hätte können - was wäre wenn - ist alles müsig und sinnlos - jetzt und heute ist wichtig, 
Was morgen kommt - ich werde es sehen!!!
Ein Leben  "ohne Kehlkopf"  ist sicher genauso lebenswert wie eines "Mit" !
Mit einer Priese Humor  und etwas Willen kann man auch als Mister 100%  noch eine ganze Menge anstellen.
 
Abschließend möchte ich mich bei allen Menschen die mir in dieser Zeit geholfen habe bedanken - ich wünsche jedem der sich in einer ähnlichen Situation befindet,so viele gute Freunde wie ich sie hatte - eine Claudia die mich in allen Tiefs der vergangenen Monate ertragen musste, die mich wieder aufgebaut hat nachdem ich  Durchhänger hatte - mit der ich sehr viel Schönes erfahren habe - die mir Halt gab.
 
Danke - auch den Ärzten, dem Personal auf der HNO Station 34  im St. Elisabeth Klinikum  Straubing  - der Onkologie sowie Radiologie im Klinikum Passau mitsamt dem Personal welches immer sehr nett war.
Laut dem letzten CT ist der Krebs weg - die nächsten 5 Jahre sind entscheidend - schau mer mal!
 
 
 
 
Ein Rezidiv bei der Behandlung von Krebs wird meist durch eine unvollständige Entfernung des Tumors verursacht,die nach einiger Zeit zu einem erneuten Auftreten der Krankheit führen kann.
       .....bei mir hat sich noch nie was lange gehalten!!! Schokolade, Erdbeeren, Pudding, Geld - alles ist schnell weg und kommt nie mehr zurück!!!
Kontaktwünsche und Fragen werden sehr gerne beantwortet - würde mich freuen!
 
 ....die zehn Gebote von Sunny  -  http://dreamsandme.wordpress.com/
 1. Du sollst dich wegen deiner Krankheit nicht minderwertig fühlen.
2. Du sollst einen beschwerdefreien Tag genießen.
3. Du sollst nicht glauben, dass du schuld an deiner Krankheit bist.
4. Du sollst ohne schlechtes Gewissen egoistisch sein dürfen.
5. Du sollst auch jammern dürfen.
6. Du sollst nicht verzweifeln.
7. Du sollst einem Arzt nicht alles glauben.
8. Du sollst dich des Lebens erfreuen.
9. Du sollst dich nicht aufgeben.
10. Du sollst an deine Genesung glauben.
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 
 
 


 

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